Das Geheimnis der Sandkreise auf Lanzarote
Die Kreise zwischen den Feuerbergen und der Südküste - sie gingen mir nicht aus dem Kopf. Schon auf dem Flug überlegte ich, wann und wie wir danach suchen und ihre Herkunft ergründen könnten. Die ersten Tage lag eine sengende Hitze über der Insel, und trotz des kräftigen Windes war die Luft staubig und drückend. Weder Sigi noch ich hatten Lust, durch die heiße Steinwüste zu wandern. Da erschienen der Strand oder ein erfrischendes Bad im Pool doch wesentlich verlockender. Aber am fünften Morgen konnte mich nichts mehr aufhalten. Sigi leistete nur geringen Widerstand und so brachen wir nach dem Frühstück auf, feste Schuhe an den Füßen, die Firgas-Flasche im Rucksack und voller Neugier auf die geheimnisvollen Zeichen im Sand. Wir hatten zuhause einen Ausdruck der Luftaufnahme gemacht und das Papier nun natürlich dabei. Die Kreise und Linien sahen auf dem Foto überschaubar und beinahe filigran aus. Aber wir wussten aus der Computerberechnung, dass es sich um etwa sechs Meter breite Markierungen handelt. Der Durchschnitt der größeren Kreise beträgt annähernd hundertundfünfzig Meter - also gewaltige Gebilde, die nur aus der Vogelperspektive gut zu sehen sind.
Mit dem Auto erklommen wir eine kleine Anhöhe am Fuße der Montaña Roja, von der wir einen guten Überblick über das Gebiet bekamen. Es war sehr diesig, aber wir konnten sie erkennen - riesige kreisförmige und gerade Muster, scheinbar ohne jeden Sinn in die ansonsten unberührte, steinige Landschaft platziert. Was war das? Schon von hier aus wurde deutlich, dass es sich nicht um Furchen oder Erhebungen handelt, die Linien setzen sich lediglich farblich von der Umgebung ab.
Wir hatten eigentlich vor, mit dem Auto auf dem Feldweg zurück und dann in das betreffende Areal hinein zu fahren. Aber wir waren nicht sicher, ob wir die Stellen unten vor Ort überhaupt erkennen würden. Das Gelände ist zwar flach, aber unwegsam. Harte, von der Sonne ausgetrocknete Erde, Sand, Geröll und niedriges, dürres Gestrüpp. Nirgends ein markanter Punkt, an dem man sich orientieren kann. Wahrscheinlich würden wir ziemlich ziellos umherirren. Doch der Hügel, auf dem wir uns befanden, war nicht hoch und der Abstieg hinunter zu den Kreisen nur mäßig steil. Und so erschien es am besten, direkt dorthin zu laufen. Weil wir es uns ersparen wollten, bei der Hitze anschließend wieder hinauf zu kraxeln, stieg Sigi ins Auto und ich machte mich zu Fuß auf den Weg nach unten. Da Sigi einen großen Umweg über den holprigen Pfad vor sich hatte, würden wir etwa gleichzeitig ankommen. Bevor wir uns trennten, witzelte ich: "Hoffentlich finden wir uns, bevor ich zwischen den Disteln verdurste." "Willst Du das Wasser mitnehmen? Oder möchtest Du lieber fahren?" Aber ich mochte den PKW nicht über die steinige Strecke lenken und hatte auch keine Lust, die volle Flasche zu tragen. Warum auch, in einer halben, spätestens einer dreiviertel Stunde sollten wir wieder zusammen sein.
Beim Abstieg machte mir das lockere Geröll unter den Füßen etwas zu schaffen. Gut, dass ich nicht einfach in die Badelatschen geschlüpft war! Immer wieder blieb ich stehen, um die Bodenzeichnung zu orten. Je weiter ich nach unten kam, desto flacher wurde die Sicht auf die Bilder. Der Weg war länger, als ich es eingeschätzt hatte. Die Sonne stand bereits recht hoch an einem schweren, dunstigen Himmel. Zwar milderte der starke Wind ein wenig die sengende Hitze. Aber es war keine kühle Brise, die meine Haare zerzauste. Ungewöhnlich warm fegte die Luft über die Südwestspitze der Insel. "Calima!" dachte ich und wünschte mir den üblichen, frischen Nordostpassat herbei. Während einer kleinen Verschnaufpause nahm ich den eindrucksvollen Panoramablick wahr. Hinter mir stieg die Montaña Roja auf knapp 200 Meter an. Vor mir die Küste mit dem unvollendeten Bau des "Atlante del Sol". Warum hatte man hier, weitab von jeder anderen Einrichtung, ein Hotel bauen wollen? Die gleichmäßige, blaue Fläche des Atlantiks wurde nur von einem großen Segelboot unterbrochen, das still in der Nähe des Ufers lag, offenbar vor Anker. Mein Blick ging nach Norden, wo ich die Silhouette der Feuerberge ausmachen konnte. Die Sicht war stark getrübt, sonst hätte man von hier aus die schöne Farbgebung der Vulkane erkannt.
Jetzt konnte ich etwas unterhalb und gar nicht weit entfernt das äußere Rund eines Doppelkreises erkennen. Nun nicht mehr als Linie, sondern breit wie eine Straße. Stellenweise war die Struktur verwischt oder ganz verschwunden. Ich konzentrierte mich auf einen besonders auffälligen Kreisabschnitt und ging schnell näher. Beinahe wäre ich über die Wurzel eines vertrockneten Busches gestolpert. Dann - endlich - stand ich in der Zeichnung. Es war nichts Besonderes zu sehen. Eine Fläche, die ebener war als das übrige Gelände. Beinahe wie abgeschoben, aber mit dem üblichen kargen Bewuchs. Allerdings waren die Pflanzen hier noch flacher und dürrer, sie wirkten fast verbrannt. Auch die Erde war deutlich dunkler und deshalb auch von oben so gut erkennbar. Auf den Luftaufnahmen sicher nicht sichtbar, aber für mich verblüffend waren die faust- bis kopfgroßen Steine, die schnurgerade und in gleichmäßigen Abständen gereiht die "Straßen" auf beiden Seiten begrenzten. Ich blickte mich um. In Richtung Meer waren - soweit die Augen reichten - Quadrate und Kreise angeordnet und überall lagen rechts und links die kleinen Felsbrocken wie an einer Perlenschnur. Seltsam! Wer hatte diese ungeheure Arbeit geleistet, und warum? Und woher kamen die Farbunterschiede des Bodens? Weshalb die Kreise und die Linien? Waren das Parzellen? Aber wozu?
Ich sah auf die Uhr. Eigentlich sollte Sigi längst hier irgendwo auftauchen. Suchend schaute ich um mich. Kein Sigi und nirgends Schatten. Aber die Hitze hatte glücklicherweise nachgelassen, der heiße Wind war abgeflaut und es wehte nur noch ein leichtes, angenehm kühles Lüftchen. Kein staubiger Dunst mehr am Himmel, ein tiefes Postkartenblau erstreckte sich über der Ebene. "Erstaunlich, wie schnell das Wetter gewechselt hat," dachte ich bei mir. Aber obwohl die Temperatur deutlich gesunken war, wollte ich doch bald aus Sonne heraus kommen. Ich stieg auf einen etwas größeren Stein und hoffte, Sigi zu finden. Nichts. Verdammt, ich wollte mir keinen Sonnenbrand holen. Den nächsten Schatten gab es am "Atlante del Sol". Wie weit war das, konnte ich dorthin laufen? Eigenartigerweise konnte ich die Bauruine nicht sehen. Offenbar befand ich mich in einer Senke und hatte dadurch eine eingeschränkte Sicht. Aber das Meer erstreckte sich vor mir, türkisfarben und gar nicht allzu weit entfernt. Der Segler war fort, hatte wohl trotz der Flaute abgedreht.
Nach einer weiteren, völlig ereignislosen halben Stunde machte ich mich auf den Weg zur Küste. Vielleicht hatte Sigi eine Panne gehabt, durchaus denkbar auf diesem Holperweg. Ich knotete einige Papiertaschentücher an den Ecken notdürftig zusammen und legte sie mir über Stirn und Haare. Es wehte nun überhaupt kein Wind mehr und meine merkwürdige Kopfbedeckung blieb an ihrem Platz. Ich versuchte, mir keine Sorgen um Sigi zu machen und stapfte durch die Einöde. "Lanzarote" dachte ich, "ich liebe Dich wirklich. Aber das hier müsste nicht unbedingt sein." Anfangs sah ich noch auf die nach wie vor deutlich markierten Geländeabschnitte, aber sie erschienen zunehmend sinnlos und schließlich beachtete ich das Phänomen kaum mehr.
Die Küste rückte nicht näher. Lief ich zu langsam oder in die falsche Richtung? Nein. Rechts, also nördlich, waren immer noch die Feuerberge. Das Timanfaya-Gebiet leuchtete nun in den prächtigsten Farben. Hell- bis dunkelrote Hänge, stellenweise auch blau und schwarz schimmernd, hoben sich plastisch gegen den Himmel ab. Wie klar es nun geworden war! Und wie spät: Die Sonne hatte den Zenit überschritten und war schon weit auf dem Weg nach Westen. Wie ich. Im Gegensatz zur Sonne blieb ich aber nun stehen. Ich würde das nie zu Fuß schaffen, ich kam einfach nicht voran. Da fiel mir das Handy in meiner Tasche ein. Doch wen könnte ich anrufen? Sigi nicht, denn wir nutzen hier auf der Insel ein Handy gemeinsam. Aber gestern hatte ich bei einer deutschen Ladenbesitzerin in Playa Blanca telefonisch eine Bestellung aufgegeben. Ihre Nummer war noch gespeichert und sie würde mir helfen. Ein Blick auf das Display genügte: Kein Netz. Na, toll!
Also nahm ich meine Wanderung wieder auf. Fast eine Stunde später, ich sah gerade auf die Uhr, erschreckte mich Hundegebell. Ich habe viel Respekt vor fremden Hunden und schaute etwas ängstlich um mich. Gleichzeitig hoffte ich auf einen menschlichen Begleiter, an den ich mich wenden könnte. Oder war es ein wilder Hund? Die gibt es hier häufig. Schließlich entdeckte ich das Tier in etwa zweihunder Metern Entfernung. Es kläffte aufgeregt, näherte sich aber nicht. Ein Herrchen oder ein Frauchen war nicht zu sehen. Der große, schlanke Hund sprang hektisch hin und her, dann legte er sich plötzlich flach auf die Erde, stieß ein lautes Jaulen aus, sprang wieder auf die Beine und rannte - wie in Panik - davon. Gleich darauf war er blitzartig fort. Mein Herz raste. Was war denn das gewesen? Wohin war das Tier so schnell verschwunden? Einer inneren Eingebung folgend, ging ich in die gleiche Richtung wie der Hund. Ich dachte zwar: "Vielleicht kommt er wieder und beißt." Aber ich lief weiter, rannte nun fast. Während ich mich vorher unwillkürlich an die Steinlinien gehalten hatte, kreuzte ich sie nun und musste dabei den größeren dieser Brocken ausweichen. Ich blickte vorwärts und bemerkte, dass die Bodenzeichnungen hier aufhörten. Ich hastete weiter über eine letzte Kreismarkierung und wünschte, ich wäre niemals auf sie aufmerksam geworden.
Es war heiß, hoch oben brannte die Sonne. Ich dachte noch "gut, dass ich was auf dem Kopf habe", da fegte mir eine kräftige Windböe das Papier von der Stirn. Mit zwei schnellen Schritten fing ich es ein und rannte dabei fast gegen einen Mann - Sigi! Ich schrie laut auf und klammerte mich an ihn. Erstaunt legte er seinen Arm um mich. "Ja, ich habe Dich auch gesucht. Aber warum bist Du denn so von der Rolle? Es war doch klar, dass es eine Weilchen dauert, bis ich mit dem Auto hier unten bin." Verstört sah ich, dass der weiße Ford nur ein paar Schritte entfernt stand. Ich beruhigte mich langsam. "Was ist mit den Kreisen?" fragte Sigi. Schnell wehrte ich ab: "Ich habe die Spur verloren und hier unten erkennt man ohnehin nichts. Jetzt will ich nach Hause." Mein Mann schüttelte den Kopf über seine Frau. Erst wollte sie unbedingt das Geheimnis ergründen und jetzt hatte sie scheinbar jedes Interesse daran verloren.
Im Auto überlegte ich, was ich Sigi erzählen soll. Er hatte recht gehabt, wir waren wirklich nur ein Weilchen getrennt gewesen. Meine Solaruhr hat wohl verrückt gespielt in der Sonne. Jetzt stimmte sie mit der Zeitanzeige am Armaturenbrett überein, es war noch nicht einmal Mittag. Oder habe ich gesponnen? "Wir haben einen ganz schön heftigen Calima." Diese Bemerkung von Sigi ignorierte ich einfach. Aber er hatte wiederum Recht. Staubiger Dunst trübte Luft, die Timanfaya-Berge waren kaum auszumachen. Dafür lag die Hotelruine klar und deutlich vor uns. Nicht einmal das nun wieder ankernde Segelschiff konnte mich noch erschrecken.
Zehn Minuten später weckte mich Sigi, wir waren im Ferienhaus angekommen. Sigi wunderte sich. "Wie kann man nur so schnell und fest einschlafen?!" Hatte ich nur geträumt? Nein, der Taschentuchhut lag auf meinem Schoß. Ich murmelte: "Wahrscheinlich habe ich einen Sonnenstich."